Julia und der böse Wolf

Lieber Tier- und Menschenfreund,

ich als gesunder und bissfreudiger Wolf war vor einigen Monaten hoch beglückt  festzustellen, mit welch großer Freude ihr Menschen meine vorsichtige Annäherung an eure Heimat zur Kenntnis genommen habt. Eure Reaktion hat mich schon einigermaßen erstaunt gemacht, wo ihr doch einst meine Vorfahren mit Stumpf und Stiel ausgerottet habt. Aufgrund dieser Tatsache hatte ich natürlich nicht mit einer derart vielversprechenden Integrationschance gerechnet. Selbstverständlich habe ich diese Chance genutzt, meine Familie nachgeholt und die frohe Kunde unter meinen Artgenossen verbreitet.

Bereits nach sehr kurzer Zeit hat sich allerdings herausgestellt, dass unser Freund, der Mensch, mit unserer Nahrungsaufnahme zumeist nicht ganz einverstanden ist. Er glaubt, dass die lecker dargebotenen vierbeinigen Speisen nur von ihm gefressen werden dürfen. Wenn wir uns dann mal ein Häppchen holen, ist sogleich die Hölle los.
Wie ich weiß, stehen wir zwar unter Naturschutz. Wenn es aber an die Freßreserven der Menschen geht, dann sind natürlich Ausnahmen immer möglich. Einige meiner Kollegen wurden bereits im Einvernehmen mit Julia entnommen. Was das Entnehmen auch immer heißen mag, ich habe die Kollegen nie wiedergesehen.
Meine Schaffreunde sind mit dieser Maßnahme des Entnehmens auch nicht einverstanden und sie lassen mich deshalb gut gedeckt inmitten ihrer Gemeinschaft leben. Ihnen ist es völlig egal, von wem sie gefressen werden, frisch aus dem Fell oder vom Teller, zerteilt mit Messer und Gabel.

Im Grunde ist unsere Anwesenheit den nicht voreingenommenen Menschen auch völlig Schnuppe. Jeder interessierte Mensch weiß, dass Zweibeiner niemals auf unserer Speisekarte stehen werden. Allein die Verpackung ist oftmals ekelhaft und der Geruch für uns kaum zu ertragen.
Nur die Schäfer stören sich daran, dass wir als Beutegreifer nicht für den Verzehr ihre Nutztiere zahlen. Wie immer, geht es den Menschen nur wieder um den lieben Euro.
Es reicht den Viehzüchtern nicht, dass sie jedes Jahr für jedes einzelne Schaf und für jede Ziege einen anständigen Obulus kassieren.
Glücklicherweise benutzen sie dieses Geld nicht, um ihre Nutztiere wirksam von uns fern zu halten oder sich unsere dressierten Artgenossen anzuschaffen, die uns an einer leckeren Mahlzeit hindern sollen.

Das unsere Lebenserwartung ausschließlich vom lieben Geld abhängt beweist eine Aussage des Deutschen Landesschaftzuchtverbandes:

„Nur wenn die Politik bereit ist, die Kosten der Wolfsansiedlung zu tragen, hat der Wolf eine Chance, gesellschaftlich als Teil der Kulturlandschaft akzeptiert zu werden.“

 Dieser Ausspruch scheint mit Besorgnis um den Nutzviehbestand nicht sehr viel zu tun zu haben.

So lange unsere ehemalige Weinkönigin geduldig zuschaut, wie kleine, unschuldige männliche Ferkelchen unter Qualen, unbetäubt enteiert werden, nur weil sie ansonsten evtl. auf dem Teller etwas streng riechen könnten, so lange von ihr  geduldet wird, dass täglich tausende männliche Küken  geschreddert werden, nur weil ihnen die Natur verbietet, Eier zu legen, so lange sollten sie das Jammern über unsere Anwesenheit unterlassen.

Ihr nehmt uns ständig immer mehr unseres von der Natur zugewiesenen Lebensraumes und beklagt euch darüber, dass wir euch gezwungenermaßen ab und zu auf die Pelle rücken.
Macht euch um uns keine Sorgen, laßt uns einfach in Ruhe, wir beißen uns schon irgendwie durch!
Ich habe mich gemeinsam mit meinen Kollegen dazu entschlossen, künftig einen veganen Lebensweg einzuschlagen. Ob das aber den Menschen hilft unsere Anwesenheit zu akzeptieren? Sicherlich wäre das dann nicht im Sinne der Pflanzenschutz Organisationen.

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