Ein tierisches Geschäft

Zwiegespräch mit Pferd, Hund, Katze, Goldfisch und anderen!

Zu Beginn der Woche fand ich in meinem Briefkasten einen professionell aufgemachten, mehrseitigen Flyer.
Da ich von Natur aus sehr neugierig bin und der Flyer von einer in meiner unmittelbaren Nähe wohnenden Nachbarin stammte, habe ich mir die Sache einmal näher betrachtet.

Mein Erstaunen war riesig, als sich die besagte Person mit Hilfe des Flyers als Tierkommunikatorin und als Schamanische Beraterin outete. Ihr Ziel sei es, ihren Mitmenschen das Verständnis für ihre Haustiere und das richtige Verhalten zwischen Mensch und Tier näher zu bringen.
Sie behauptet doch tatsächlich, aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten mit meinen Haustieren ein Gespräch führen zu können, wenn ich ihr dafür den Auftrag geben würde.
Auch wenn ein Tier bereits verstorben ist, stellt dieser Umstand  kein Hindernis für eine gelungene Konversation dar.

Schau mir in die Augen Kleine!

Es war zwar schon seit langem mein innigster Wunsch zu erfahren, was mein Hund von mir hält und was ich noch Gutes für meinen Goldfisch tun könnte.
Jetzt habe ich endlich die Chance, mir meinen Wunsch zu erfüllen.
Aber andererseits laufe ich Gefahr, dass mein Hund mich gegenüber einer fremden Person auf das übelste beschimpfen könnte und mein Goldfisch sich als Rassenhasser entpuppt, der künftig nicht mehr gemeinsam mit dunkelhäutigen Schwertträgern in einem Aquarium schwimmen möchte.

In einem solchen Fall kann ich nur hoffen, dass meine als Dolmetscherin fungierende Tierkommunikatorin mich dann auch wirklich mit der ungeschminkten Wahrheit konfrontiert.

Wer jetzt glaubt, dass es sich bei einer Tierkommunikation um eine zeitaufwendige und schwierige Angelegenheit handelt, der irrt gewaltig.
Die herkömmlichen Methoden eines üblichen Tierflüsterers sind hier nicht mehr gefragt.
Es reicht schon die Übermittlung eines Fotos  meines Lieblings, auf dem lediglich die Augen -das Tor zur Seele-  gut sichtbar sein müssen.
Bei meinem Goldfisch fällt mir ein solches Foto allerdings verdammt schwer.
Wenn ich nun bestimmte Fragen von meinem Haustier  beantwortet haben möchte, sollten diese präzise in Schriftform formuliert werden. Je präziser ich frage, desto präziser wird der Gesprächspartner antworten.
Das Tier selbst wird in dieser Gesprächsrunde überhaupt nicht vor Ort benötigt. Ein Blick in die Augen des Fotos reicht völlig aus.
Die tatsächliche Kommunikation zwischen Mensch und Tier erfolgt dann ausschließlich durch die beauftragte Dolmetscherin und dem treuen Gefährten auf einer telepathischen Ebene. Auf jeden Fall hat die Dolmetscherin die Fähigkeit, die übermittelten Nachrichten zu übersetzen.
Jetzt muß ich mir allerdings die Frage stellen, ob die Weitergabe derart delikater Daten mit der neuen Europäischen Datenschutz Verordnung in Einklang zu bringen ist?
Schließlich möchte ich auch weiterhin die Intimsphäre meines Haustieres geachtet wissen.

Ist das nicht toll, auf diese Weise Einblicke in die Befindlichkeiten, Gedanken, Gefühle und Wünsche unserer Tierpartner zu erfahren?
Unsere Tierkommunikatorin fühlt in direkter Übertragung durch Bilder, Emotionen, Worte und Körperempfindungen, was uns unsere Tiere mitteilen möchten.
Diese Erkenntnisse entspringen allein dem telepathischen Gespräch mit dem Tier, einem Foto und einem Fragenkatalog.

Die Dauer des Klönschnacks ist natürlich nicht vorhersehbar.
Von der Tierkommunikatorin wird das Ergebnis dieser Geheimsitzung in einem schriftlichen Protokoll festgehalten, welches abschließend dem Tierhalter übergeben wird.

So weit eine tolle Sache, wenn Menschen derartiger Fähigkeiten besitzen würden und damit zu einem noch harmonischeren Zusammenleben zwischen Mensch und Tier beitragen könnten.
Wie in unserer Zeit nicht anders zu erwarten, folgt allerdings auf jede noch so undurchschaubare Leistung eine Gebührenrechnung.
Für eine Gesprächsstunde werden dem Tierbesitzer läppische € 90,00  in Rechnung gestellt. Das erscheint mir für ein Dolmetscherhonorar recht günstig.
Jetzt muß aber noch die Frage geklärt werden, ob eine Telepathiesitzung Mehrwertsteuer pflichtig ist, wenn ja, mit welchem Steuersatz? Wie werden Gespräche ins Jenseits, mit verstorbenen Lieblingen geführt und berechnet?
Mein Vorschlag wäre dazu, dass die gewünschten Bezahlmöglichkeiten per Bargeld oder Banküberweisung noch durch eine telepathische Begleichung ergänzt werden sollten.

Es ist schon faszinierend festzustellen, welcher Schwachsinn uns Tierhaltern immer wieder aufs Auge gedrückt werden soll, nur um an unsere Kohle zu kommen.
Aber ganz sicher wird sich auch für dieses Geschäftsmodell wieder eine Menge Gläubige finden lassen!

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