Abstecher in die Vergangenheit

Nach monatelanger Auszeit möchte ich mich heute wieder einmal zu Wort melden, nicht als Nörgeler, sondern als glücklicher Vater und Opa, dem ein Herzenswunsch von seinen Kindern erfüllt worden war.
Mein 75. Geburtstag wurde zum Anlass genommen, Oma und Opa eine Reise nach Andalusien zu spendieren, in die Region, in der wir von 1995 bis 2004 bereits 10 glückliche Jahre unseres Lebens verbringen durften.
Nach Einschätzung unserer Nachkömmlinge konnten wir ntürlich diese gewaltige Reise nicht ohne Aufsicht und Betreuung antreten. Unter dem Vorwand, endliche einmal mehr Zeit mit uns verbringen zu wollen, bekamen wir einen männlichen und einen weiblichen Begleitschutz.

Unsere Reise begann am späten Abend in einem ICE von Bremen nach Frankfurt, wo wir um vier Uhr in der Früh, total übernächtigt am Airport ankamen. Fast zeitgleich erschien auch unsere Begleitcrew (Tochter und Schwiegersohn), voller Vorfreude auf die vor uns liegenden Tage.
Praktischerweise hatte unser Sohn uns bereits 2 Tage vor Abflug bei unserer Fluggesellschaft Ryanair online eingecheckt, sodass wir uns ohne Umwege direkt zur Personen- und Handgepäck-Kontrolle begeben konnten.
Hier wurde unsere Vorfreude erst einmal erheblich getrübt. Unsere sorgfältig gepackte Reisetasche erfuhr eine grausige Behandlung bei der Suche nach versteckten Mordwerkzeugen und verdächtigen Medikamenten.
Es folgte ein Körper Scanner Check, um auch unser Skelett auf Vollständigkeit zu überprüfen, und zum  krönenden Abschluss mussten wir uns noch manuell abzutasten lassen.
Jetzt hatten wir den Sprung in den gesicherten Abflugbereich geschafft.
In der einen Hand den Hosengürtel, mit der anderen Hand die Hose hochhaltend, durften wir wieder unsere Wertsachen übernehmen und unsere Reisetasche, vollkommen zerwühlt, an uns nehmen.
So aufregend hatte ich mir den Urlaubsauftakt eigentlich nicht gewünscht, aber es sollte noch besser kommen.

Am Gate angekommen, versuchten wir den Anfangsstress mit einer heißen Tasse Kaffee hinunter zu spülen und warteten etwas müde darauf, in unseren Flieger einsteigen zu können. Als es dann endlich so weit war, stellte meine bessere Hälfte mit Erschrecken fest, dass ihre Bordkarte unauffindbar war. In panischer Hast durchsuchten wir mehrfach alle Taschen und Gepäckstücke um das verflixte Ding zu finden. leider erfolglos, die Bordkarte war ganz einfach weg. Wir Männer versuchten das Einlasspersonal zu becircen, während die Frauen als letzte Hoffnung den Weg zur Einlasskontrolle zurückliefen. Es war nicht zu glauben, aber die Karte lag mit der Rückseite nach oben, in einem Müllbehälter am Förderband. Bei dem wilden Kontrolltrubel musste dieses wichtige Teil versehentlich in den Müll gewandert sein. Gottlob konnte dieses gewaltige Hindernis noch rechtzeitig aus dem Weg geräumt werden und wir durften glücklicherweise unsere Plätze im Flieger einnehmen.
Der etwa dreistündige Flug nach Malaga verlief planmäßig, wenn auch sehr eingeengt, aufgrund der berühmten  Ryanair Passagier-Stapel-Technik.
Nach dem Entknoten der Beine und dem Verlassen des Fliegers, erfolgte der Transport zum Autoverleiher, ein entsprechender Wagen war für uns bereits im Vorfeld reserviert. Es stellte sich bei diesem Vermieter sehr schnell heraus, dass wir an unserem ersten Urlaubstag vom Glück nicht gerade verfolgt waren. Mein als Fahrer angemeldeter Schwiegersohn verfügte nicht über die gewünschte Kreditkarte. Es half auch nichts, dass meine Tochter ihre Kreditkarte vorlegte. Der Verleiher bestand darauf, dass es sich bei Fahrer und Kreditkartenbesitzer um die gleiche Person handeln musste. Es tat ihm ausgesprochen leid, uns kein Fahrzeug aushändigen zu können.
Erst lange, zähe Verhandlungen und ein erhebliches Sümmchen für eine zusätzliche Versicherung führten dann doch noch zum Erfolg.
Am späten Nachmittag erreichten wir tatsächlich ohne weitere Probleme, total verschwitzt und hundemüde unser gemütliches Urlaubs-Cortijo in Torrox. Die Anlage war umrahmt von stattlichen Zelten des Obst- und Gemüseanbaus, bot aber trotzdem einen schönen Blick auf den Badestrand des Mittelmeeres.
An diesem ersten, anstrengenden Tag schafften wir es nur noch zu einem gemütlichen Abendessen ins Fischrestaurant „El Yate“ in Torre del Mar, um anschließend wie tot ins Bett zu fallen.

Während der nächsten Tage wurden wir wie erhofft, bei Temperaturen von durchschnittlich 25 Grad, von der Sonne verwöhnt.
Am Tag nach unserer Anreise galt es, den Geburtstag unserer Tochter zu feiern. Das hatten wir schon lange nicht mehr gemeinsam geschafft.
Wir begannen den Tag mit einem ausgedehnten Bummel über den traditionellen Wochenmarkt von Torrox, auf dem unser Schwiegersohn ein ausgesprochen extravagantes, spanisches Geburtstagsgeschenk für unsere Tochter fand und damit die gute Laune seiner Frau retten konnte.

Danach ging es per Auto ab in die Berge, die über insgesamt zehn Jahre unsere geliebte Heimat waren. Auf dem Weg dorthin konnten wir erleben, wie ein Mann, im Alter von mehr als 50 Jahren, zum Kleinkind werden kann.
Die Küstenstraße, mit ihren zahlreichen kleinen Ortschaften, ist an jedem kleinen Abzweig durch Verkehrskreisel entschärft. Davor sind jeweils Hindernisse auf der Straße angebracht, die den Verkehr eigentlich verlangsamen sollen. Unser Fahrer fand es allerdings super-cool, uns ständig in die Luft hüpfen zu lassen und möglichst spritzig durch die Kreisel zu kurven, ohne Rücksicht auf Verluste. Gesteigert wurde dieses Fahrvergnügen dann noch für unseren Fahrer bei der Ankunft in den Bergen. Im Campo, rund um Torrox und Sayalonga, gibt es kaum befestigte Wege und Straßen. Das ist auch so gewollt, damit die einzelnen Fincas in der Regel nur von den Besitzern angefahren werden und von neugierigen Touristen verschont bleiben. Unser Schwiegersohn fühlte sich in diesem Gelände als Rally-Fahrer und ließ damit unseren dürftigen Kopfbewuchs senkrecht in die Höhe gehen, einfach geil! Unsere Gesundheit hing oftmals an einem seidenen Faden.

Gottlob haben wir auch diese Todesrally unbeschadet überstanden und schafften es auch noch, uns mit wackelnden Knien zu unserer ehemals beliebten Tapa-Bar zu schleppen. So unglaublich es klingt, aber hier mussten wir für vier Getränke und 5 üppige Tapas ganze 9 Euro bezahlen.
Es grenzt an Wahnsinn, dass dies heute noch möglich ist.

Dass es aber auch anders geht, bewiesen wir jeden Abend aufs Neue.
Es ist gar nicht so einfach, innerhalb weniger Tage, am Abend alle Lokale in Torre del Mar, Algarrobo und Torrox aufzusuchen, in denen bekanntermaßen ausgezeichnete Fischspezialitäten angeboten werden. Wir haben uns auf drei Standorte beschränken müssen und wurden nicht enttäuscht.

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Neben dem üppigen Essen hatten wir selbstverständlich nicht den eigentlichen Grund für unsere weite Reise vergessen. Natürlich wollten wir in der Hauptsache unsere ehemalige Wahlheimat Sayalonga wiederzusehen, Freunde aufzusuchen und der Grabstätte des Bruders meiner Frau einen Besuch abstatten.
Innerhalb der letzten 15 Jahre hatte sich der Ort Sayalonga überhaupt nicht verändert. Lediglich im Campo hatten sich wieder einige Deutsche, Schweizer  und Engländer ein neues Domizil geschaffen.
Wenn wir unsere alten Wirkungsstätten wiederzusehen wollten, mussten wir uns wohl oder übel unserem Fahrer anvertrauen, der sich schon diebisch auf einen erneuten Teufelsritt über schroffe Felsen und gefährliche Schotterwege freute.  Nun durfte er endlich wieder seine Fahrkünste unter Beweis stellen.
Nachdem wir ausgiebig der Nostalgie gefrönt hatten, stand ein weiterer Punkt auf unserem Programm, nämlich ein Besuch auf dem cementerio.
Auf diesem Friedhof in Sayalonga waren sowohl mein Schwager, als auch unser guter spanischer Freund und ehemaliger Nachbar, bestattet. In Spanien werden die Särge der Toten, platzsparend, in mehreren Etagen in weiß getünchte Wände eingemauert und mit Bildern der Verstorbenen versehen und mit Kunstblumen geschmückt.

Ein Sohn unseres verstorbenen Freundes, zu dessen Hochzeit wir seinerzeit als einzige Deutsche eingeladen waren, hat gemeinsam mit seiner Ehefrau vor einiger Zeit ein gutgehendes Restaurant in Sayalonga eröffnet, welches wir natürlich auch unbedingt besuchen mussten.
Wie überall in dieser Region mussten erst einmal ein paar Tapas gekostet werden um uns richtig auf das Lokal einstimmen zu können.

Für den vierten und damit letzten Tag unseres etwas stressigen Kurzurlaubs haben wir uns spontan zu einem Besuch auf Gibraltar entschieden. Um recht viel Zeit für den Ort und den Affenfelsen zu haben, machten wir uns bereits vor der üblichen Frühstückszeit auf die Beine. Nach etwa der Hälfte der Strecke fiel beiläufig die Bemerkung: „Steht Gibraltar nicht unter der Souveränität von England, braucht man da nicht einen Pass? Ich habe nämlich unsere beiden Pässe in einer anderen Handtasche, die ich heute nicht dabei habe.“ Na prima, da wollen wir nur hoffen, dass wir da keine Probleme kriegen! Als wenn das nicht schon genug gewesen wäre, stellte sich auch noch heraus, dass auch der Führerschein des Fahrers in dieser Tasche schlummerte. Jetzt fehlte nur noch eine Polizeikontrolle, dann hätten wir sicherlich unseren Kurzurlaub in einen Langzeit Knasturlaub umwandeln müssen.
Schließlich kam es genau so, wie es kommen musste. Nach einer Fahrt von etwa 200 Kilometern durften wir die Grenze in das Britische Gebiet, wegen fehlender Ausweispapiere, nicht überschreiten. Da halfen uns auch unsere dummen Gesichter in keinster Weise.
Um diesen letzten Tag nach einer derartig unnötigen Panne noch einigermaßen sinnvoll gestalten zu können, entschlossen wir uns zu einem außerplanmäßigen Besuch in Marbella, um uns den Jachthafen „Puerto Banus“ in Ruhe anzuschauen.

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Unser kurzer Trip nach Andalusien neigte sich nun leider schon seinem Ende entgegen. Unsere Rückreise ins etwas kühlere Deutschland sollte am nächsten Morgen in aller Frühe erfolgen. Unser Fahrer war bereits jetzt tottraurig, dass er sich wieder von seinem geliebten Rennwagen und seinen wundervollen Kreiseln und Huckeln verabschieden musste.
Ein letzter Rundgang über die Promenade von Torrox und Torre del Mar und ein wunderschöner Sonnenuntergang werden ganz sicher in unserer Erinnerung bleiben.

Es sah ganz so aus, als würde der Rückreisetag noch wirklich ein letzter, geruhsamer Urlaubstag werden, allerdings nur auf den ersten Eindruck.
Am Flughafen Malaga hielten wir unsere Bord-Tickets immer griffbereit, damit uns nicht das Schicksal von Frankfurt auch hier ereilen sollte. Im Warteraum besorgte ich uns vier Becher Kaffee auf einem Tablett, wobei zwei der Becher ins Rutschen gerieten. Erfreulicherweise schüttete ich mir den Inhalt dieser zwei Becher über mein letztes sauberes Hemd und über meine kunstvoll gebügelte Hose. Der Tag begann somit für mich besonders erfreulich.
Erstaunlicher Weise verlief der Flug ohne weitere Zwischenfälle. Vom Airport Frankfurt ging die gemeinsame Fahrt weiter an den Frankfurter Hbf., um dort auf reservierten Plätzen mit einem ICE nach Bremen zu fahren. Nach einer fünfminütigen Fahrt kamen kurz vor unserem Ziel zwei Zugkontrolleure zu unserer Gruppe um die Fahrkarten zu kontrollieren. Es stellte sich heraus, dass die Handybuchung unserer Begleiter nicht funktioniert hatte und dass einer von beiden der Schwarzfahrt bezichtigt wurde. Nach Feststellung der Personalien und einer Zahlung in Höhe von 60 Euro durften alle ihre Reise in unterschiedliche Richtungen fortsetzen.

Jetzt waren meine Frau und ich froh, endlich in Ruhe mit dem reservierten ICE in Richtung Heimat fahren zu können. Unser endlos langer Zug stand auch, abfahrbereit wie es aussah, auf dem angekündigten Gleis. Wir wunderten uns nur über den Hinweis an der Anzeigetafel „Bitte nicht einsteigen“.
Pünktlich zur geplanten Abfahrzeit ertönte dann die Durchsage, dass der Zug ausgefallen sei. Es gab keine Begründung, niemand nannte eine Alternative, wir standen völlig auf dem Schlauch. Uns blieb keine andere Wahl, als uns in die lange Schlange zur Bahnhofsauskunft einzureihen.
„Wenn Sie sich beeilen, können Sie in Frankfurt Süd einen ICE nach Hannover erwischen und von dort in einen anderen Zug umsteigen, der weiter in die gewünschte Richtung fährt. Das war zumindest ein Lichtblick. Tatsächlich erreichten wir den besagten ICE, total überfüllt, in Frankfurt Süd. Dieses Bundesbahn-Prachtstück schaffte es tatsächlich bis Göttingen, um dort mit einem Feueralarm außer Betrieb genommen werden zu müssen.
Das bedeutete, dass sämtliche Fahrgäste wieder in einen anderen Zug umsteigen mussten. Da dieses Gefährt bereits vorher voll beladen war, begann eine Stapelaktion in Gängen, Toiletten und sonstigen Zwischenräumen. Kleine Kinder standen weinend neben alten Greisen, eingerahmt von unzähligen Gepäckstücken, ohne eine Möglichkeit, sich irgendwo festhalten zu können. Bei einer plötzlichen Bremsung wäre eine Katastrophe mit unabsehbaren Folgen ausgebrochen.
Eine tolle Werbung für die Bundesbahn, die es dann doch trotz aller Probleme noch geschafft hat, uns zum Zielbahnhof zu schleusen !

Ein derartiges Urlaubsende wünsche ich auch meinem ärgsten Feind nicht.
Meine Frau und ich, wir freuen uns auf jeden Fall wieder darauf, von unseren Kindern irgendwann noch einmal verschickt zu werden!

 

 

 

 

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